Analysepotential

Demographie und Brain Gain.

Viele Unternehmen hoffen auf zusätzliche Arbeitskräfte durch die unerwartet vielen Flüchtlinge in Europa. Nützlicher wäre ein analytisch-strategischer Ansatz, der demographische Fakten in die Planung integriert.  

* Von Wolf K. Müller Scholz

  

Unternehmen sind qua definitione gehalten, kühl zu rechnen, ihren Umsatz und Gewinn zu mehren und für das wichtigste Asset zu sorgen: das Wohl und Wehe ihrer Kunden und Mitarbeiter.
Und bei Letzteren eröffnen sich Chancen. Und zwar nicht nur in den Situationen plötzlicher, unerwarteter Masseneinwanderungen wie etwa derzeit aus dem arabischen Raum oder Mitte der 1990er Jahre aus dem ehemaligen Jugoslawien, sondern fortlaufend. Die kontinuierliche Analyse demographischer Daten und Zusammenhänge, dies soll hier die These sein, gehört zu den Grundaufgaben des Managements.
Dieses Amt gilt umso mehr, als das Thema des Mangels an qualifizierten Arbeitskräften und die notwendige Strategie eines Brain Gain ganz oben auf der Agenda der meisten Leader stehen. Dieses galt schon vor Jahren (siehe BUSINESS INTELLIGENCE MAGAZINE Nr. 1/2011). Die Situation hat sich seither zugespitzt.

Vielfältige Daten und Widerstände.
Nötig ist ein systematisch-analytischer Ansatz. Und der beginnt mit der Sichtung demographischer Daten: etwa zu den Migrationszahlen über bestimmte Regionen. Aber ebenso über das Alter und den Bildungsgrad, die Mobilität und die Arbeitslosigkeit zugewanderter und einheimischer Bewohner in Gebieten, die für ein Unternehmen von Interesse sind.
Solche demographisch unterfütterten Analysen könnten zum Beispiel ergeben, dass es für ein Unternehmen gewinnbringend wäre, stärker in Städten mit einem hohen Anteil junger, gut ausgebildeter Leute, wie etwa Jena oder Leipzig, Flagge zu zeigen. Oder aber in Fachwerksidyllen wie Hameln oder Görlitz, in denen sich die Silver Generation, deren Wissen angezapft werden muss, wohlfühlt.
Angesichts der immensen kulturellen Gegensätze zwischen Immigranten und Autochthonen, welche die gegenwärtige Einwanderungswelle erzeugt hat, kann zudem der Einbezug ethnosoziologischer Analysen in die Business Intelligence-Systeme äußerst nützlich sein.
Das Problem sind einerseits die meist verstreut liegenden Daten. Sie sind zwar vorhanden, müssen aber mit gewissem Aufwand gesammelt, strukturiert und in die Data Warehouses eingelesen werden.
Hinzu kommt, dass sich die Daten nicht so ohne weiteres in die Business Intelligence-Systeme von Unternehmen einbinden lassen. Weniger, weil es technisch nicht ginge, sondern eher, weil sich viele IT-Experten dagegen sperren: Diese Daten kämen von außen und seien unstrukturiert. Das Management gibt dann mangels Zeit und Detailwissen schnell auf.

Interaktive Migrationsgrafiken.
Soweit die Diskussion internationale Migrationsdaten betrifft, können sich Topmanager nun selbst ein Bild über die Fakten verschaffen: mithilfe einer interaktiven Grafik der österreichischen Demographen Nikola Sander und Guy Abel vom Vienna Institute of Demography. Die Forscher erarbeiteten erstmals einheitliche, umfassende Schätzungen für die Migrationsströme zwischen allen Kontinenten und insgesamt 196 Ländern. Sie visualisierten sie in Form von sehr eingängigen interaktiven Grafiken zu vier Fünfjahreszeiträumen zwischen 1990 und 2010. Die Wanderungsbewegungen lassen sich dabei für Kontinente wie auch für einzelne Länder ablesen. Die interaktive Grafik ist ohne Anmeldung und kostenlos abrufbar unter www.global-migration.info.
Aus der Vielzahl der Einzeldaten haben wir die für Europa wichtigsten Migrationswege herausgezogen und – in enger Anlehnung an das Original – eingängig dargestellt.

Dreh- und Angelpunkt Westasien.
Was sofort ins Auge springt, ist die große Dynamik und Veränderung der Migrationsströme: So nahmen zum Beispiel die Bewegungen aus dem bevölkerungsreichen Südasien stark zu: sowohl nach Europa und Nordamerika (hier vor allem hochqualifizierte Fachleute etwa für die IT) als auch nach Westasien (hier überwiegend in die arabischen Ölstaaten für einfache Hilfstätigkeiten). Die Ströme von Süd- nach Westasien stiegen von 357’000 (1990-1995) auf fast 4,6 Millionen (2005-2010), parallel dazu die von Südasien nach Europa von 248’000 auf annähernd 1,4 Millionen, nach Nordamerika von 406’000 auf mehr als 1,5 Millionen.
Die alles überragende starke Migration von Süd- nach Westasien ist laut der Demographin Nikola Sander  «eine kleine Überraschung, war man doch bisher davon ausgegangen, dass die Wanderungsbewegung von Zentral- nach Nordamerika an der Spitze steht». Immer mehr Menschen aus Pakistan, Indien und Bangladesch nahmen einen Job in Arabien an.
Doch nun verlieren ihn viele wieder, weil die politischen und ökonomischen Systeme der arabischen Welt zusammenbrechen – nicht nur in den Flächenstaaten wie Syrien, Irak oder Libyen, sondern wegen des starken Ölpreisverfalls tendenziell auch in Saudi-Arabien und den Scheichtümern. Dieser Faktor beschließt den langen Niedergang einer Weltregion, der mit dem Scheitern des arabischen Frühlings begann, sich mit den Bürgerkriegen und dem islamistischen Radikalismus fortsetzte und dem Fehlen einer breiten volkswirtschaftlichen Wertschöpfung außerhalb des darniederliegenden Ölsektors kulminiert. Viele junge Araber und süd-asiatische Immigranten sind verzweifelt und wollen nur noch raus.

 

Prognose der Wanderungsbewegungen mit Business Intelligence.
Wohin werden diese Menschenmassen weiterwandern? Zurück nach Südasien? Weiter nach Europa? Wie sind sie qualifiziert? Wie sieht ihr Werte- und Normensystem aus? Die Beantwortung dieser Fragen ist für Unternehmen wichtig, wenn sie den Brain Gain systematisch angehen.
Dabei ist die Einbindung der demographischen Analysen in die BI-Systeme und in die strategische Planung der Unternehmen elementar. Es reicht heute nicht mehr aus, die Verfügbarkeit von Human Capital den Zufälligkeiten der Weltläufte und den Fähigkeiten der politischen Führer zu überlassen. Dann kann man unter Umständen lange warten.
Denn der Kampf um die guten Köpfe läuft schon lange auf Hochtouren. Das zeigen vor allem die zum Teil heftigen Schwankungen der Migrationsströme.

 

 

In voller Länge können Sie den Artikel in der aktuellen Ausgabe Nr. 1/16 des BUSINESS INTELLIGENCE MAGAZINE lesen. Hier können Sie die Ausgabe oder ein Probeabo bestellen: http://www.bi-magazine.net/print.html

 

 

 

Quelle: BUSINESS INTELLIGENCE MAGAZINE, www.bi-magazine.net 
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