Interview

Bewusstsein über die wertvollen Daten

Was kann Business Intelligence heute praktisch leisten? Wir fragten ein Urgestein der Branche mit langjähriger Erfahrung beidseits des Atlantiks: Roland Hölscher, Chef des Lösungsanbieters arcplan.

 

Sie sind seit mehr als 20 Jahren im Business Intelligence-Markt tätig. Was hat sich gegenüber früher verändert?
Hölscher: Wir befinden uns derzeit in der dritten großen Welle der Entwicklung des Business Intelligence-Einsatzes. In der ersten Welle, ungefähr von 1975 bis etwa 1990, richtete sich alles noch an den zentralen Großcomputern aus: Fachbereichsanwender oder Vorstandsassistenten marschierten mit ihren Analysewünschen zur IT-Abteilung und bekamen die Ergebnisse dann in Form ausgedruckter Papiersätze – nach ein paar Wochen oder Monaten…

 

…als die Ergebnisse für die Entscheider nicht mehr aktuell waren?
Hölscher: Ja, wegen dieser fehlenden Aktualität der gelieferten Daten war ein permanenter Konflikt zwischen der IT und den Fachbereichen vorprogrammiert. In einer zweiten BI-Welle ab Mitte der 1990er Jahre entstanden dann in den Fachabteilungen dezentrale Business Intelligence-Bereiche, die sogenannten Data Marts, mit deren Hilfe die Fachanwender und Stabsabteilungen die benötigen Informationen und BI-Analysen selbst machen konnten. 

 

Analog dem damals neuen Ruf nach Managementinformationssystemen?  
Hölscher: Ja, die Idee war, dass die BI-Nutzer in Bereichen wie etwa Controlling oder Marketing analytische Informationen eigenständig abrufen, verarbeiten und verwerten können.  

 

Was damals zunächst scheiterte? 
Hölscher: Genau, es fehlte einerseits technisch die schnelle Verfügbarkeit der zentral verwalteten Daten, andererseits war die Mehrheit der Nutzer noch nicht in der Lage, die analytischen Informationen in der nötigen strukturellen Tiefe zu verstehen und auch praktisch anzuwenden. Weiter kam hinzu, dass die BI-Analysewerkzeuge damals längst nicht so komfortabel zu bedienen waren. 

 

Und so blieb BI wenig genutzt? 
Hölscher: Die Verbreitung von Business Intelligence war in dieser zweiten Welle zwar nominell gelungen, aber häufig beschränkte sie sich auf die zahlenaffinen Funktionsbereiche in den Unternehmen wie etwa Rechnungswesen, Finanzen und Controlling. Andere Disziplinen wie Entwicklung, Marketing und Vertrieb wurden bis etwa 2005 mit analytischen Applikationen de facto meist nicht erreicht. 

 

Der heutige Einsatz reicht weiter? 
Hölscher: Ja, wir bezeichnen das in Fachkreisen als «User-Enablement» (Nutzerbefähigung). Eine große Rolle spielen dabei technologische Treiber und Konzepte wie vor allem Big Data und Cloud-Computing, Mobile und Self-Service-BI sowie Advanced Analytics (BI mit stark prädiktiven Elementen wie Forecasts, Diagnostik und Simulationen), Collaboration sowie eine stärkere analytische Visualisierung. 

 

Welche Vorteile bringt das konkret? 
Hölscher: Mit Big Data etwa lassen sich neue Quellen wie Sensordaten oder Informationen aus sozialen Netzwerken nutzbar machen. Mobile BI sorgt für die jederzeitige Verfügbarkeit an beliebigen Orten. 

 

Teilen Sie die Meinung, dass die mobile BI-Nutzung einen zusätzlichen Schub in der Wertschöpfung bringt? 
Hölscher: Absolut. Wir haben zum Beispiel viele Kunden aus den Finanzabteilungen der Unternehmen, die auch unterwegs etwa bei einem Kundengespräch auf ihre oft komplexen Daten zugreifen wollen. Aber auch Verkauf, Service, Logistik oder Supply Chain nutzen mobile Anwendungen immer stärker – also alle Unternehmensbereiche, in denen die Mitarbeiter viel unterwegs sind.  

 

Dürfen Mitarbeiter heute persönliche Mobilgeräte im Unternehmen nutzen? 
Hölscher: Soweit wir es beobachten, wird das zunehmend zum Standard. Dadurch entwickelt sich ein gewisser Pragmatismus. Und die IT-Abteilungen haben so die neue Aufgabe, für einen sicheren und geregelten Zugang dieser mitgebrachten persönlichen Geräte zu den Unternehmensnetzwerken und ihren Inhalten zu sorgen. 

 

Bleibt das Problem, die Daten auf allen Geräten zur Verfügung zu stellen? 
Hölscher: Ja, und deshalb haben wir zum Beispiel für unsere BI-Lösungen das Prinzip DORA entwickelt: «Design once, run anywhere». Es stellt analytische Inhalte in einem zentralen Repository zur Verfügung, optimiert sie automatisch für unterschiedliche Gerätetypen und Betriebssys-teme und unterstützt so die effektive Verteilung der Informationen. Unternehmen, die für mobile und stationäre BI-Anwendungen getrennte Lösungen entwickeln, verschleudern nicht nur ihr Geld, sondern verkomplizieren darüber hinaus den komplexen Distributionsprozess.  

 

Welchen Sinn macht in diesem Zusammenhang das Cloud-Computing? 
Hölscher: Angesichts der zunehmenden Nutzungsintensität von Business Intelligence in den Unternehmen ziemlich viel: Der Vorteil ist, dass das Unternehmen eine Entität als Partner bekommt, die die Infrastruktur einfach und schnell zur Verfügung stellt und den gesamten Service für diese Infrastruktur wie etwa die Datenverfügbarkeit übernimmt – und dabei die hauseigene IT-Abteilung ergänzt.

 

Gibt das nicht böses Blut zwischen der IT und dem Business? 
Hölscher: Die Business-Seite sieht das Thema Cloud-Computing meist sehr pragmatisch: Der Charme liegt darin, dass für eine neue Lösung keine langen Investitionsanträge mehr gestellt, kein langer Aufbau einer eigenen technischen Infrastruktur abgewartet werden müssen, sondern sofort losgelegt werden kann. Es muss auch keine Entweder-oder-Entscheidung getroffen werden muss. Hauseigene und Cloud-Systeme ergänzen sich. 

 

Schwächen die Ausspähskandale von NSA & Co. die Cloud-Nachfrage?
Hölscher: Viele Unternehmen sind sensibler geworden – auch in den USA. Aber die wirtschaftlichen Vorteile der Cloud mit ihrer höheren Flexibilität und Elastizität sind einfach zu groß. Deshalb sehe ich höchstens eine Nachfragedelle. 

 

Wie werden Cloud-Systeme in die Unternehmensanalytik integriert? 
Hölscher: Erst einmal sollten die Entscheider grundsätzlich über die Inhalte nachdenken: Welche Geschäftsprozesse sind betroffen? Wo sollen die Daten liegen? Wie realisieren wir die Zusammenführung? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, kann mit dem Aufbau einer technischen Infrastruktur begonnen werden. Dabei spielen Cloud-Systeme eine Rolle.

 

Stellen Unternehmen eher weniger wichtige Daten in die Cloud? 
Hölscher: Überraschenderweise ist vielen Unternehmen gar nicht bewusst, welch’ strategisch und für analytische Prozesse hochrelevanten Informationen sie bereits in ihren neuen Cloud-Systemen vorhalten.

 

Zum Beispiel? 
Hölscher: Es gibt Unternehmen, die einen sehr großen Aufwand für den Schutz ihrer historischen Daten etwa aus dem Verkauf oder Finanzen betreiben, aber gleichzeitig ihr CRM-System in die Cloud bei Anbietern wie etwa Salesforce stellen. Ihnen ist dabei oft gar nicht bewusst, dass ihre sensibelsten, wertvollsten Daten – nämlich die zukunftsorientierten Informationen über Kauftrends oder Forecastings für die Geschäftsentwicklung – im CRM-System in der Cloud liegen. Mich wundert schon, dass sich Manager bei diesen doch sehr wertvollen und sensiblen Informationen, die in diesen Fällen in der Cloud liegen, offensichtlich weniger Sorgen machen als bei den eher rückwärtsgewandten, statischen Daten, die auf den eigenen Computern vorgehalten und aufwendig geschützt werden.

 

Immerhin geht es dabei um die Finanzdaten der Unternehmen... 
Hölscher: ...die, seien wir doch ehrlich, im klassischen Berichtswesen überwiegend Erkenntnisse über zurückliegende Ereignisse liefern und in der heute dynamisch wechselnden Wirtschaft weniger betriebswirtschaftlichen Wert haben als beispielsweise die vorwärtsgerichteten Analysen, Simulationen und Forecastings des zunehmend in Cloud-Systemen betriebenen CRM-Bereichs.

 

Also sollten die Unternehmen die vertraulichen Forecastings eher nicht in der Cloud betreiben? 
Hölscher: Im Gegenteil, es gibt eine Menge Cloud-Systeme, die gerade für die zentrale analytische Informationsversorgung und die damit zusammenhängenden Entscheidungsprozesse hochgradig relevant sind. Das gilt vor allem für die stark wachsende Maschinenkommunikation wie beispielsweise in den Produktionsanlagen oder in der Elektronik von Automobilen. Die Daten aus diesem «Internet of Things» werden zukünftig per se in der Cloud gespeichert. Denn die Erfassung aller Daten erfolgt ja bereits vollautomatisch und verteilt auf viele verschiedene Data Warehouses. Da macht es doch für ein Unternehmen keinen Sinn mehr, sich auf ein einziges zentrales Datenzentrum zu verlassen. Es braucht vielmehr eine verteilte Struktur. So kann zum Beispiel ein Autohersteller, der das Datenmanagement für sein europäisches Heimatgeschäft selbst betreibt, in neuen Überseemärkten für diese Aufgabe einen Cloud-Service buchen. Das ist schneller, flexibler und billiger. Denn die Reaktion auf Marktentwicklungen muss schnell erfolgen. Es passt einfach nicht mehr in die Zeit, wenn der Aufbau eines Rechenzentrums für den asiatischen, afrikanischen oder amerikanischen Markt mehrere Monate dauert. Um beim Cloud-Anbieter x eine entsprechende Datenkapazität von vielen Terabytes zu buchen, braucht das Unternehmen – überspitzt formuliert – nicht viel mehr als eine Kreditkartennummer. Darüber hinaus steht die Computerleistung sofort zur Verfügung. 

 

Liefern sich Unternehmen den Cloud-Anbietern damit nicht aus? 
Hölscher: Nein, denn wenn ein Cloud-Service nicht wie gewünscht läuft, können sie ohne großen Aufwand zum nächsten Anbieter wechseln. Der Umbau der entsprechenden Informationsarchitektur ist dann – je nach Vertragsgestaltung – nicht mehr wie bei einem eigenen Rechenzentrum eine Frage von Jahren, sondern von Monaten, wenn nicht sogar nur von Wochen. Hinzu kommt: Unternehmen können Cloud-Kapazitäten grenzenlos und individuell mit eigenen Rechenzentren in einer Hybrid-Lösung kombinieren. 

 

Welchen Einfluss hat diese höhere Flexibilität für Business Intelligence? 
Hölscher: Sie verbessert sich durch den Einsatz der hybriden Systeme. Experten wie der EMA-Analyst Shawn Rogers sehen in «Hybrid Data Ecosystems» einen neuen Trend: Auf der Basis unterschiedlicher Datenhaltungsplattformen und in Abhängigkeit von den jeweiligen Rollen und Geschäftsprozessen im Unternehmen steuern sie die gesamte Informationsversorgung intelligent und optimal. Dies gilt selbst in sehr heterogenen technischen Architekturen, für alle Geräte vom stationären Bürocomputer bis zum Tablet und für sämtliche Anwendungen von Planung und Budgetierung bis zu Dashboards und  Self-Service-BI. Wir nennen das «Unified Business Analytics».

 

Was bringt das in der Praxis? 
Hölscher: Ein Beispiel; im Handel kann der dort typische Produktschwund (Verderb der Waren, Diebstahl und andere Einwirkungen) von zwei bis drei Prozent der verkauften Waren signifikant gesenkt werden, indem die Daten aus verschiedenen Systemen wie etwa Lieferkette, Kassendaten, Lagerhaltung, aber auch Wetterprognosen, die häufig ein wesentlicher Einflussfaktor für das Kaufverhalten sind, zusammengeführt werden. Diese stehen dann in den Geschäften den für die Nachbestellung von Waren verantwortlichen Mitarbeitern intelligent zur Verfügung. Bei einem unserer Kunden führt eine derartige Systemkombination zu einer Senkung der Schwundrate um 0,1 Prozent und so bei einem Jahresumsatz von sieben Milliarden Dollar zu einer Gewinnsteigerung um sieben Millionen Dollar.

 

Quelle: BUSINESS INTELLIGENCE MAGAZINE, www.bi-magazine.net 
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