Banken: Regulierung positiv wenden

Digitalisierung auf 60 bis 80 % steigern.

Sind die Banken gerüstet für das digitale Zeitalter? Frank Ferro, Financial Services-Experte bei Trivadis, sieht erheblichen Nachholbedarf – und Chancen durch einen konsequenten IT-Umbau.

 

Auf welchen Gebieten haben Banken den größten Handlungsdruck?
Ferro: Neben der richtigen Antwort auf die Niedrigzinsen sind es vor allem die weiter zunehmenden regulatorischen Anforderungen des Staats sowie die Digitalisierung des Geschäfts.

Aber da haben die Finanzinstitute doch schon einiges getan.
Ferro: Ja, doch Digitalisierung heißt nicht nur, irgendwo mit einer eleganten App oder einem schönen Internet-Front-End die alten Strukturen abzubilden. Die Banken haben bislang nur maximal 20 bis 40 Prozent ihrer Geschäftsprozesse digital abgebildet. Bei den restlichen Abläufen sitzen im Backoffice Heerscharen von Mitarbeitern, die Anträge oder Formulare auf fast allen Stufen manuell bearbeiten.

Ist das nicht oft einfach notwendig?
Ferro: Wenn die Automobilbauer in den vergangenen 30 oder 40 Jahren so rückständig gehandelt hätten wie vor allem die deutschen Großbanken, dann hätten wir vielleicht rein äußerlich die gleichen Autos wie heute, aber unter der Motorhaube mit der Technik aus den 1960er und 1970er Jahren.

Sollten sich Banken und Versicherungen auch beim Thema Regulatorik andere Branchen zum Vorbild nehmen?
Ferro: Hier hilft ein Blick auf die Anbieter von Arzneimitteln, die nach dem Prinzip
«Compliance is the license to operate» handeln. In der Pharmabranche ist das sofort einzusehen: Wenn ich keine Zulassung für ein Medikament bekomme, muss ich mir erst gar keine Gedanken darüber machen, auf welchem Markt und für welchen Preis ich es anbieten will.

Ganz so streng ist das im Sektor Financial Services doch aber nicht...
Ferro: Auch hier gibt es immer mehr Vorschriften, die darüber entscheiden, ob Produkte denn überhaupt angeboten werden dürfen. Beispiel Wertpapierberatung: Wenn die Bank nicht nachweisen kann, dass im Zuge eines Kundenkontakts bezüglich Wertpapieren eine Beratung inklusive Protokollierung stattgefunden hat, wird sie keine Wertpapiergeschäfte mehr machen dürfen. Punkt. Denn der Regulator bestimmt letztlich die Spielregeln.

Und greift ins Geschäft ein?
Ferro: Ähnlich wie beim Fußball: Wenn die Abseitsregel geändert wird und ich stelle als Coach die Spielweise nicht um, werde ich sehr wahrscheinlich Schwierigkeiten haben, dass meine Mannschaft regelkonforme Tore erzielt. Aber diejenigen Teams, die sich am schnellsten auf die neue Regel eingestellt haben, werden Tore schießen und gewinnen. Das ist im Business das Gleiche – unabhängig davon, ob die Regeln sinnvoll sind oder nicht. Alle Player müssen sich erst einmal daran halten und das Spiel mitspielen, wenn sie weiter am Markt präsent sein möchten.

Und wie können sich die Banken richtig fit machen?
Ferro: Sie dürfen nicht länger nur in ihren existierenden Lines of Business wie Zahlungsverkehr, Depot, Einlagen denken, die auf IT-Seite durch Siloanwendungen abgebildet sind. Bislang bezogen sich alle Initiativen in Banken auf die jeweiligen Silos. Durch die umfassenden regulatorischen Vorschriften müssen sie jetzt aber plötzlich quer über die Bereiche denken. Die Organigramme für Projekte explodieren, weil aus allen bisherigen Silobereichen Leute abgestellt werden müssen.

Zum Beispiel?
Ferro: Sinkt künftig die Schwelle für die Meldung von Krediten an die Deutsche Bundesbank von aktuell einer Million Euro, auf dann 25’000 Euro oder vielleicht sogar auf null Euro, müssen die Finanzinstitute künftig viel mehr Kredite melden – auch die kleinsten.

Das ist natürlich eine enorme quantitative Herausforderung.
Ferro: Wenn es allein das wäre... Wenn wir das übliche Silodenken umfassend betrachten, dann sind auch die Privatkredite mit im Boot, die bisher von dieser Regularie gar nicht betroffen waren.  Und dann ergibt sich eine weitere Herausforderung für die Banken: Sind die erforderlichen Daten bei Kleinkrediten überhaupt verfügbar? Die Umstellung ist für die IT in vielen Banken eine größere Belastung, als es auf dem Papier zunächst erscheint. Jede neue Vorschrift beschert den Banken einen enormen zusätzlichen Zeitaufwand – auch weil der Interpretationsspielraum bei der Umsetzung der juristischen Formulierungen (etwa von EU- in nationales Recht) wächst.

Wo liegen die Hauptprobleme?
Ferro: Oft erscheinen die Regularien dem Management und den Fachbereichen noch einfach. Aber der Aufwand für die IT-Abteilung ist auf jeden Fall immens, weil sie sich bei jedem Schritt immer wieder mit der veralteten IT mit historisch gewachsenen Datenstrukturen, die oftmals undokumentiert sind, beschäftigen muss. Die Folge ist, dass meist die Umsetzung eben nicht dort vorgenommen wird, wo sie Sinn macht, sondern ein weiteres Modul mit weiteren Abhängigkeiten erzeugt wird. Somit geht das Erzeugen von Bypässen weiter. Das Problem ist also einigermaßen kostengünstig gelöst, die Folgekosten, die heute nicht interessieren, werden aber mit Sicherheit kommen.

Wie wirken sich die zunehmenden Regularien auf das Risikomanagement der Finanzwirtschaft aus?
Ferro: Die Banken scheuen Risiken immer mehr und neigen eher dazu, bei sehr hohen Risiken das Geschäft aufzugeben. Bis vor etwa zwei Jahren gaben Bankmanager in der Regel bei neuen Compliance-Regeln die Losung aus: Wir müssen das umsetzen, weil wir keine andere Option haben. Inzwischen denken viele Institute anders und fragen: Was kostet mich das Umsetzen der regulatorischen Vorschrift? Ist es unter dem Strich nicht einfach besser, wenn wir uns aus dem Marktsegment einfach verabschieden?

Ist ein derartiger Ausstieg aus einigen Teilsegmenten für viele Banken mittlerweile eine valide Option?
Ferro: Ja, denn die Regulatorik gilt in Banken als unangenehmes Thema – sie bringt keinen Umsatz, sondern erfordert im Gegenteil Zeit, Aufwand und Budget.

Sie sagten doch, dass dieses eigentlich sperrige Thema auch Chancen für zusätzliche Geschäfte eröffne?
Ferro: Genau das wird nach wie vor zu selten betrachtet: Wenn eine Bank oder eine Versicherung zum Beispiel im Vertrieb die Kunden auf andere Weise geschickt einbindet, ergeben sich fruchtbare Kundengespräche – beispielsweise nach dem Motto: «Lieber Kunde, kommen Sie bitte in die Filiale, wir müssen weitere Daten erfassen (tut uns leid, wir müssen das machen, weil der Gesetzgeber das vorschreibt – Stichwort FATCA, CRS).» Damit eröffnet die Bank doch ganz andere Perspektiven! Anschließend kann immer noch der vertriebsorientierte Ansatz ins Gespräch eingeflochten werden.

Der regulatorische Druck eröffnet sozusagen eine intelligentere Form des Kundenmanagements?
Ferro: Ja, wenn die Bank mit den Kunden über ein neutrales Thema in Kontakt kommt, welches der Gesetzgeber diktiert. Wenn das Finanzinstitut mit der alten Leier kommt wie: «Lieber Kunde, wir haben jetzt ein tolles neues Depot; das ist interessant für Sie, lassen Sie uns mal drüber reden.» Damit lockt eine Bank heute keine Menschen mehr in die Filiale, weil diese ein derartiges Angebot so ungefähr fünfmal am Tag hören.

Wenn ich es als Bank also schaffe, die Regularien effektiv und kundenorientiert umzusetzen, kann ich mir über die Regulatorik auch Wettbewerbsvorteile verschaffen?
Ferro: Absolut. Die Anforderungen beispielsweise bei den Wertpapiergeschäften, FATCA, CRS, Abführung der Kirchensteuer lassen sich nicht umgehen. Jede Bank muss ihren Datenhaushalt ergänzen, sodass dieser den Ansprüchen genügt. Warum dann nicht gleich Nägel mit Köpfen machen und ein System installieren, das im Zeitalter der Digitalisierung einen zusätzlichen Nutzwert schafft?

Womit sich die Themen Regulatorik und Digitalisierung treffen – und der Geschäftsalltag für die Banken noch komplizierter wird?
Ferro: Die Themen treffen sich, das ist richtig, dennoch muss der Alltag nicht komplizierter werden. Im Gegenteil: wichtig ist eine klare Trennung von Aufgaben in der IT. Die klassischen Banken-Anwendungen sind für das Kernbankengeschäft zuständig. Wenn es darum geht, regulatorische Daten an Dritte wie etwa das Bundeszentralamt für Steuern (BaFin) zu liefern, so sollte dies künftig nicht aus der Kernbanken-Plattform geschehen, sondern aus einer dispositiven Welt (Data Warehouse). Ebenso werden Kampagnen und Impulse für Kunden mit Daten aus diesem Bereich gespeist. Die Herausforderung besteht darin, dass die operativen Informationen zum richtigen Zeitpunkt («righttime») – das kann in manchen Fällen realtime, neartime oder auch tagesaktuell sein – im dispositiven Datenhaushalt konsistent zur Verfügung stehen.

Für diese unterschiedlichen Vorgänge und Anforderungen müssen neue Datenarchitekturen und digitale Prozesse geschaffen werden?
Ferro: Ja, denn die Bank muss bei jedem dieser regulatorischen Vorgänge die gesamte IT-Organisation durchkämmen, um an den betriebswirtschaftlichen Kern zu gelangen: die Daten. Umfangreiche Abfragen von Informationen aus dem Produktivsystem gefährden jedoch die operative Performance des Produktivsystems der Banken-IT. Die heutigen dispositiven Datenhaushalte sind meist auch weit über 10 Jahre alt. Eine moderne Form beinhaltet In-Memory-Datenbanken genauso wie klassische relationale Datenbanken.

Und wenn die Manager stattdessen das Financial Data Warehouse anzapfen?
Ferro: Dieses Vorgehen liegt zunächst auf der Hand, ist jedoch bei genauer Betrachtung nicht minder gefährlich: Da sind zwar alle Kunden drin, aber absolut einfach zu viele. Nehmen wir folgendes Beispiel: Ein Kunde hat sein Konto im Juli gekündigt. Die Folge ist, dass dieser Kunde im Financial Data Warehouse noch mindestens bis ins kommende Jahr wegen Einspruchsfristen vorliegt. Ändern sich aber die AGBs, so darf dieser ehemalige Kunde keine Mitteilung erhalten.

Welche Erfolgsregeln also sollten Banken und Versicherungen beherzigen?
Ferro: Erstens: Sie müssen schnell, reaktionsfähig und agil sein. Sie benötigen eine hohe Innovationsgeschwindigkeit, auch beim dem Thema Geschäftsprozesse. Bei Datenthemen geht es nicht mehr an, dass Mitarbeiter etwa für Selektionen erst einmal im Data Warehouse herumprogrammieren müssen. Sie wollen die Informationen vielmehr auf Knopfdruck haben.  Zweitens: Sie brauchen eine zentrale, konsistente Datenhaltung – zur rechten Zeit («righttime»), damit sie stets hochaktuell sind und bei Selektionen nicht zu wenige oder zu viele Kunden anschreiben. Dabei gilt: «Realtime geht nicht overnight.» Denn viele Abläufe sind Batchprozesse, die eben über Nacht laufen müssen. Und das geht mit Realtime-Anforderungen nicht, da der aktuelle Datenbestand laufend angepasst wird. Drittens: Den Kundenfokus im Blick behalten, damit ich wirklich sehe, wie sich das Kundenverhalten ändert.

Welche praktische Rolle spielt dabei die Digitalisierung?
Ferro: Die Digitalisierung ist der große «Enabler» für eine kundenorientierte effiziente Umsetzung der regulatorischen Anforderungen.

Das hat auch mit dem Thema Automatisierung zu tun?
Ferro: Jedes regulatorische Thema hat im Zweifel mit automatisierten Prozessen zu tun. Und damit bin ich aber auch schon wieder beim Digitalisierungsthema. Der Kreis schließt sich, das eine geht nicht ohne das andere.

Mit welchen Nutzenaussichten?
Ferro: Ich bin sicher, dass viele Unternehmen den bisherigen Grad der Digitalisierung der Geschäftsprozesse von nur 20 bis 40 Prozent auf 60 bis 80 Prozent steigern können. Und dann werden sie auch die Herausforderungen durch die zunehmende Regulatorik nicht nur besser in den Griff bekommen, sondern sogar positiv für ihr Geschäft nutzen.

 

 

* Zur Person: Frank Ferro ist Program Manager Financial Services bei Trivadis. Er ist einer der führenden Experten für das Thema «Banken und IT» im deutschsprachigen Raum und arbeitet im Competence Center Financial Services (CCFS) von Trivadis mit Sitz in Frankfurt am Main. Dieses verbindet bankfachliche Schwerpunkte mit technologischer Exzellenz. Der Fokus liegt unter anderem auf Bereichen wie FATCA, MiFID II oder Compliance Data Warehouse.

   


Quelle: BUSINESS INTELLIGENCE MAGAZINE, www.bi-magazine.net
© ProfilePublishing Germany GmbH 2014_2015. Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der ProfilePublishing Germany GmbH

Business Intelligence Magazine: Springe zum Start der Seite