Glosse:

Eine Winterreise nach Moskau und der Wecker

 

Vergangene Woche war ich wieder in Osteuropa unterwegs. Moskau, St. Petersburg, Minsk. Seit der Ukraine-Krise ist das alles etwas schwieriger geworden. Also vertraue ich mehr denn je auf meinen treuen, zuverlässigen Helfer unterwegs: mein Smartphone.  

Herr Koll, unser IT-Leiter, warnt mich zwar stets, allzu freizügig auf die oft ja so nützlichen Buttons wie etwa das wichtigste osteuropäische Soziale Netzwerk «vk.com» zu drücken. Doch wer hält sich schon ständig daran? Ich jedenfalls nicht immer. Ich möchte mich auch digital frei bewegen können, selbst in Ländern mit strengem Regiment wie Russland oder Weißrussland. 

Na ja, ich habe gehört: Digitale Malware, wie etwa Computerviren oder Phishing-Mails, breitet sich weltweit nun auch auf Smart Phones aus, zapft Passwörter und E-Mails an, private Notizen und Bankdaten an. Für Android-Geräte, so eines besitze ich, soll es Millionen von Schadprogrammen geben. Monatlich kommen angeblich Hunderttausende hinzu. Viele aus Russland. 

In Moskau lernte ich jetzt erstmals Smartphone-Viren kennen. Der Typus heißt Ransomware: Kriminelle kidnappen das Gerät via Web und erpressen dann von ihren Opfern Geld. Mein Geschäftspartner, den ich im Ritz-Carlton an der Tverskaya zum Lunch getroffen hatte, rief mich am Abend ziemlich aufgelöst an: «Meine Konten wurden geknackt, und ich werde erpresst.» «Um Gottes willen», entfuhr es mir, «rufen Sie Ihre Bank an, die Visa-Hotline, die Botschaft!» Er: «Die Karten habe ich bereits alle sperren lassen, doch es gibt noch keine Spur, die Banken rätseln.» Ich: «Die Experten klären alles, das wird schon.» 

 

Lösegeldforderungen in Ukash oder Bitcoins.
Wurde es aber erst einmal nicht. Denn mein guter Freund hatte online gekauft, bezahlt und war Ransom-Gangstern ins Netz gegangen. Sie hinterließen keine Spuren und verlangten Lösegeld – nein, nicht in Form von Dollars oder Rubeln, sondern in digitaler Währung: Ukash oder Bitcoins. Die Zahlungsströme dieses elektronischen Gelds sind vollkommen anonym und lassen sich von Banken meist nicht nachvollziehen. Mein Geschäftspartner hatte Glück: Die Malware auf seinem Smart Phone war eine leichtere Variante, bei welcher die Manipulationen letztlich doch nachgewiesen werden konnten. Er bekam sein Geld zurück und war dank Spezialsoftware nun gegen weitere Angriffe geschützt.  

Einige Tage danach erhielt ich eine SMS-Nachricht mit einer kurzen Frage auf russisch: «Ist das dein Foto?» Spontan klickte ich drauf, denn ich bekomme öfter mal Nachrichten in russischer Sprache. Doch da war kein Foto. Stattdessen hatte ich nun auch ein Malware-Problem, genauso wie einige meiner Kommunikationspartner. Unsere Smartphones waren von einem Computervirus namens Android/Samsapo.A befallen. 

 

Hat Putin unser Treffen in Kiew verschoben?
Unser IT-Leiter, Herr Koll, wusste gleich Bescheid: Sobald man auf diesen vermeintlichen Fotolink klickt, verbreitet sich das Virus auch auf alle anderen Handys, mit denen man Nachrichten austauscht. Dann zählte er mir die Eigenschaften von Samsapo.A  auf: Es stiehlt nicht nur vertrauliche Notizen oder bricht in Bankkonten ein. Es kann sogar Wecker manipulieren.

Jetzt dämmerte es mir, warum ich und mein Team kürzlich unseren Flug nach Kiew verpasst hatten. Wir hatten noch geulkt, dass wohl Putins Agenten unsere Wecker via Internet verstellt hätten, damit unser Geschäft mit den Ukrainern platze. 

Dass es tatsächlich so gewesen sein könnte, erklärte mir nun unser Herr Koll. Ausländer, die vk.com nutzen und Kontakte nach Kiew haben, sollen angeblich vom russischen Geheimdienst ausspioniert werden. Dennoch glaube ich nicht, dass Moskau unser Treffen verschoben hat. Vielleicht waren es chinesische Hacker oder gar islamistische Terroristen. Mögliche Täter mit Digitalwissen gibt es ja zuhauf.

Jedenfalls scherzen wir nun nicht mehr. Wir legen uns und unseren Smartphones einen dicken virtuellen Schutzpelz um.

 

Quelle: BUSINESS INTELLIGENCE MAGAZINE, www.bi-magazine.net 
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