Interview

Strategisches Koordinatensystem.

Wie modernisieren Unternehmen ihre veralteten Data Warehouses? Was können sie besser machen? Wolf K. Müller Scholz fragte Gregor Zeiler von Trivadis, einen der führenden europäischen Experten.

BIM: Die alten Data Warehouses stoßen an ihre Grenzen. Was tun?
Zeiler: Der Umbau von Data Warehouses ist nicht nur ein technisches, sondern auch ein strategisches Thema. Zunächst einmal bedarf es einer Vision für die neuen Plattformen. Diese muss für die gesamte Organisation gelten. Im Idealfall definiert und kontrolliert sie der CEO.

BIM: Im Idealfall. Doch viele Topleader interessieren sich noch nicht dafür ...
Zeiler: ... noch nicht genug. Aber das Interesse wächst. Denn die CEOs erkennen immer mehr, dass sie technische Modernisierungsansätze anstoßen müssen, um ihre Organisationen angesichts der Herausforderungen der neuen dynamischen Wirtschaft besser zu rüsten. Die Entscheider entdecken, dass in den immer umfangreicheren, vielfach vernetzten Informationen ihrer Unternehmen das betriebswirtschaftliche Gold der Zukunft steckt.

BIM: Was ist für den CEO dabei der strategische Knackpunkt?
Zeiler: Die entscheidende strategische Frage, die sich ein CEO stellen muss, lautet: Wie können wir für unsere Organisation eine Data Warehouse-Infrastruktur schaffen, die es uns ermöglicht, unsere Daten nicht nur intern, sondern später auch extern im Markt verwerten zu können?

BIM: Das klingt nach einem großen Sprung im strategischen Denken.
Zeiler: Absolut. Viele CEOs sehen die IT-Abteilung mittlerweile längst nicht mehr nur als klassische Datenverwalter, sondern zunehmend als Lieferanten von Informationsservices, die in allen Bereichen der Wertschöpfung genutzt werden können – auch in neuen Geschäftsfeldern.

BIM: Zum Beispiel?
Zeiler: Mobilfunkdienstleister etwa, die die systematisch gesammelten und strukturierten Daten nicht nur ihren herkömmlichen Auftraggebern in der eigenen Branche zur Verfügung stellen, sondern neu aufbereiten und auch an Unternehmen in anderen Sektoren etwa an E-Commerce-Firmen verkaufen. Ein weiteres Beispiel ist die systematische Verwertung und Aufbereitung von Wetterdaten durch Unternehmen wie die Weather Company. Meteorologische Daten sind strategisch so attraktiv, dass der IT-Riese IBM diesen Dienstleister gekauft hat.

BIM: Es geht also um die Verschiebung der Wertschöpfung und Gewinnquellen durch intelligente Datennutzung?
Zeiler: Ja, und zwar auch branchenübergreifend. Um beim Wetterbeispiel zu bleiben: Versicherungen etwa können Daten über Blitzeinschläge nutzen, um zu verifizieren, ob die Schadensmeldungen ihrer Kunden glaubwürdig sind.

BIM: Welche Data Warehouse-Strategie unterstützt derart innovative Ansätze?
Zeiler: Das kommt auf die konkrete Situation an. Die Modernisierung der traditionellen Data Warehouses ist einerseits über funktionale Erweiterungen möglich, andererseits durch den Einsatz völlig neuer Technologien. Beide Alternativen haben ihre Berechtigung. Deshalb sollten Unternehmen stets beide im Blick haben.   

BIM: Wie läuft das praktisch?
Zeiler: Zur Orientierung für Manager haben wir ein strategisches Koordinatensys-tem entwickelt, das auf der X-Achse (Sanierung, Erneuerung, Neubau) den Einsatz neuer Technologien etwa von Hadoop, auf der Y-Achse (Status quo, Erweiterung, Extended) die zusätzlichen funktionalen Möglichkeiten beispielsweise durch Selfservice-BI darstellt (siehe Grafik, die Redaktion). Wie Sie an den Zahlen sehen, die auf einer globalen Umfrage des TDWI beruhen, stopft rund die Hälfte der Unternehmen erst einmal nur die Löcher: Sie modernisieren die technischen Systeme im gegebenen Rahmen (53 Prozent) und optimieren die Performance (42 Prozent).



BIM: Verständlicherweise, denn sie begrenzen damit Risiko und Aufwand ...
Zeiler: ... erzielen aber auch nur begrenzten Nutzen, weil sie nicht an die Wurzeln des Problems gehen. Das ist wie bei einem alten Haus mit chronischen Feuchtigkeitsschäden, deren Besitzer nur an der einen oder anderen Stelle flicken, statt die nassen Grundmauern trockenzulegen oder gleich ein neues Haus zu bauen.

BIM: Also ist es doch am besten, die alten Data Warehouses ganz zu ersetzen?  
Zeiler: Das ist nicht so einfach. Selbst bei einem Greenfield-Projekt wird der Neubau zunächst einmal neben den Altbau gesetzt. Denn grundsätzlich ist es sinnvoll, die traditionellen und die neuen Data Warehouse-Techniken im Rahmen eines bimodalen Ansatzes zu kombinieren. Viele Unternehmen gehen in der Praxis auch dementsprechend parallel vor: Die Altstrukturen in den traditionellen Geschäftsfeldern werden sukzessive modernisiert und optimiert, gleichzeitig werden  in neuen Geschäftsfeldern disruptive Ansätze beispielsweise unter Einsatz der modernen Hadoop-Software vorangetrieben.

BIM: Was favorisieren Sie?
Zeiler: Das kommt immer auf den Einzelfall an. In vielen Fällen macht es Sinn, mit bestehenden Methoden und Werkzeugen im Performance-Bereich zu optimieren und partiell zu modernisieren, ohne dabei die Informationsinhalte zu ändern. Oft wird nur funktional erweitert (y-Achse) – zum Beispiel durch die Einbindung von Selfservice-Ansätzen im Berichtswesen. Veränderungen auf beiden strategischen Achsen beinhaltet der Modernisierungsansatz Data Vault: Hier wird – um beim Architekturbild zu bleiben – das Haus außen renoviert und innen aufgeräumt. Viele Unternehmen beginnen parallel verschiedene Projekte. Das erkennen Sie daran, dass die Summe der Umfrageantworten (siehe Grafik) viel mehr als 100 Prozent beträgt.

BIM: Und nun kämpfen die Unternehmen mit einem wilden Flickenteppich?
Zeiler: Manche Unternehmen haben tatsächlich eine sehr bunte Mischung von Tools. Sie begannen unkoordiniert in einigen Segmenten und haben nun das Problem, dass die einzelnen Bereiche dann nicht miteinander kommunizieren können.

BIM: Gibt es einen Weg aus dem Chaos?
Zeiler: Die Entscheider in den Unternehmen müssen sich zu jedem Zeitpunkt bei jedem Modernisierungsaspekt, den sie in Angriff nehmen, die Frage stellen, wo hilft uns das Projekt konkret weiter?  Ein Greenfield-Ansatz (Neubau) etwa macht nur dann Sinn, wenn eine Sanierung aussichtslos ist oder der strategische Ansatz des kompletten Neubaus festgelegt ist.

BIM: Der Übergang von alten zu neuen Warehouse-Systemen braucht also Zeit?  
Zeiler: Ja. Jedoch hängt dieser vom Einzelfall ab. Wenn sich ein Unternehmen zum Beispiel für zusätzliche analytische Funktionalitäten entscheidet, ist es sinnvoll, diese auf der Basis der bestehenden Strukturen einzubringen. Ein Neubau ist dann erst einmal nicht nötig.

BIM: In welchen Fällen greift die in Ihrer Strategy Map stärkste funktionale Erweiterung: die Feature Extension?
Zeiler: Die Feature Extension ist für Unternehmen sinnvoll, die bislang beispielsweise nur Standardreporting betrieben haben und lediglich über ein statisches Berichtswesen verfügen. Advanced Analytics Tools wären in diesem Fall eine funktional extrem gute Ergänzung, ohne dass eine inhaltliche Änderung nötig ist. Das Management kann dann mit den vorhandenen Daten mehr tun und mehr aufziehen, mehr Informationen herausziehen und mehr Handlungsoptionen gewinnen. 

BIM: Wer stößt die Erweiterungsinitiativen in den Unternehmen an?
Zeiler: In innovativen Organisationen, mit einer strategisch und nicht reaktiv handelnden IT-Abteilung, können sie durchaus vom CIO kommen. Aber meist machen die Fachbereiche Druck, weil sie in den existierenden Data Warehouse-Bereichen keine für sie passenden Lösungen finden.

BIM: Initiativen, die dann von der IT-Leitung aufgegriffen werden?
Zeiler: Das ist richtig. Aber es bringt nicht viel, wenn sie nicht in eine übergreifende Vision des CEOs eingebunden sind.    

BIM: Wird dazu eine neue oder parallele Innovationskultur benötigt?
Zeiler: Die Kommunikation zwischen den alten und den neu eingestellten IT-Mitarbeitern, das Nebeneinander von herkömmlichen und innovativen Tools ist in der Prototyp-Phase noch einfach. Wenn Big Data aber in den produktiven Einsatz geht, spielt die Fähigkeit zur Skalierung und Performance eine entscheidende Rolle. Das Management muss sorgfältig auswählen, welche Technologien zum Beispiel skalierbar sind und wo es welche Mitarbeiter einsetzen kann.

BIM: Da prallen also zwei unterschiedliche Kulturen aufeinander?
Zeiler: Den traditionellen Lösungsansatz  – es gibt eine Anforderung, einen Use Case und dann dafür eine technische Lösung – gibt es aufgrund der technischen Dynamik schon gar nicht mehr. Deshalb verschaffen sich viele Unternehmen dadurch praktischen Zugang zu den neuen Technologien und Konzepten, indem sie diese einfach mal in Nutzung bringen – auch ohne den großen Erfahrungsschatz. Damit ermöglichen sie es Mitarbeitern, die bislang nur die klassische Technologie beherrschen, Erfahrungen mit der Bedienung, Programmierung oder Implementierung der neuen Tool-Welt zu sammeln.

BIM: Auf einer begrenzten Spielwiese?  
Zeiler: Ja, es beginnt mit dem Prototyping, also Lösungsansätze zu implementieren, die dann als Business Cases in einem eigenen, begrenzten Bereich realisiert werden: in sogenannten Sandboxes. Dort lassen sich die Skills vertiefen, die richtige Zusammensetzung der Mitarbeiter finden, Logfile-Analysen machen und entscheiden, ob Cloud Services oder doch lieber interne Ressourcen genutzt werden.  
 
BIM: Erhöhen sich damit die Anforderungen an die Mitarbeiter?
Zeiler: Das Skill-Bild bei den neuen Data Warehouse-Technologien hat viel von dem der modernen Applikationsentwickler: Die Leute müssen wieder sehr stark in die Basisprogrammierung einsteigen – tiefer in die Tasten greifen. Für viele  Business Intelligence-Kollegen,  die daran gewöhnt waren, einfach  eine fertige BI-Software zu nutzen und zu konfigurieren, ist das eine erhebliche Umstellung.  

BIM: Erfordert der Wechsel auch eine neue Organisation?
Zeiler: Absolut. Das beginnt schon in den Projekten: Dort verschwinden die klassischen Wasserfallmodelle, mit ihrem typischen Prinzip der aufeinander aufbauenden Konzeptionen und Modellierungen. An ihre Stelle treten neue Verfahren mit stärker iterativen Prozessen – bestehend aus verschiedenen Stufen des Probierens und  Scheiterns respektive  Gelingens.

BIM: Wie lassen sich die alten und die neuen Köpfe zusammenbringen?
Zeiler: Es ist schwer, das alte, tief verankerte Denken aus den Köpfen der langgedienten Data Warehouse-Experten herauszubekommen. Deshalb kommt es in den Unternehmen darauf an, junge IT-Experten reinzubringen, die die traditionellen Methoden gar nicht kennen. Die Jungen tragen das «Trial-Fail»-Gen in sich. Ihnen fehlt zwar die Erfahrung in der Organisation, aber sie bringen den Vorteil des leichten unkomplizierten Zugangs zu den innovativen Technologien mit.

BIM: Bunte Teambildung für leistungsstarke neue Data Warehouses?  
Zeiler: Es ist wichtig, Fachleute mit unterschiedlichen Fähigkeiten und aus vielen Bereichen zu interdisziplinären Teams zusammenzuschweißen. Alle sollten möglichst wenig vorbelastet mit traditionellen Vorgehensweisen sein. Die Leitung übernehmen dann möglichst erfahrene und gleichzeitig offene Kollegen aus den traditionellen Data Warehouse-Bereichen, die flexibel genug sind, in die neue Welt von Hadoop & Co. einzutauchen.


Quelle: BUSINESS INTELLIGENCE MAGAZINE, www.bi-magazine.net
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